{"id":4345,"date":"2016-11-06T19:05:02","date_gmt":"2016-11-06T18:05:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tauss-gezwitscher.de\/?p=4345"},"modified":"2016-11-06T19:14:02","modified_gmt":"2016-11-06T18:14:02","slug":"statt-putin-bashing-russland-ins-boot-holen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tauss-gezwitscher.de\/?p=4345","title":{"rendered":"Statt Putin- Bashing: Russland ins Boot holen!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/www.tauss-gezwitscher.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_0372.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-4338\" src=\"https:\/\/www.tauss-gezwitscher.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/IMG_0372-300x200.jpg\" alt=\"Impressionen Litin\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><br \/>\nFoto: Litin<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Junge Russen- neue Feinde? Eine Replik auf Prof. Dr. Stratenschulte, Berlin:<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich war ich in Samara, Partnerstadt der Stadt Stuttgart an der Wolga. Grund war ein medizinischer Kongress im Rahmen eines Projekts f\u00fcr Kinder mit einer Lippen\/ Kiefer\/ Gaumenspalte (CLEFT) an der Uni Samara. Bei der Gelegenheit unterhielt ich mich auch mit Germanisten der Universit\u00e4t, Studierenden wie Professoren. Ich traf ausschlie\u00dflich auf hochgebildete, interessante Leute. Am Abend gab es im ausverkauften Theater eine faszinierende konzertante Auff\u00fchrung der &#8222;Iphigenie auf Tauris&#8220;. Ich erlebte also unvergessliche Tage der Wissenschaft und der Kultur, wie man sie selten so geballt erlebt.<\/p>\n<p>Die russische Kulturnation hat faszinierende Seiten. Sie bietet nicht nur eine \u00fcberw\u00e4ltigende Gastfreundschaft, auch noch immer Deutschen gegen\u00fcber. Aber diese Freundschaft br\u00f6ckelt. Die antirussischen Kampagnen im Westen wirken und sind auch f\u00fcr \u201eeinfache\u201c Russen schwer begreifbar. Ich traf niemand, weder j\u00fcngere noch \u00e4ltere Leute, die sich im privaten Gespr\u00e4ch als Gegner von Putin \u201egeoutet\u201c h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Das bringt mich zum Grund dieses Artikels. Professor Dr. Stratenschulte, Leiter einer Europ\u00e4ischen Akademie zu Berlin, hat sich in der <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.de\/eckart-stratenschulte\/putin-russland-deutschland_b_12732198.html\">Huffington Post \u00fcber Russland und Putin ausgelassen.<\/a><\/p>\n<p>Im Grunde h\u00e4tte er es bleiben lassen k\u00f6nnen. Nichts im Beitrag l\u00e4sst erkennen, was die von ihm geleitete Akademie als deren eigenen Anspruch formuliert: N\u00e4mlich l\u00e4nder\u00fcbergreifende Diskurse \u201eauszufechten\u201c. Zumindest zum Thema Russland ist von der Bereitschaft zum Diskurs allerdings nichts zu versp\u00fcren. Auf Bild- Zeitungsniveau reiht der promovierte Politikwissenschaftler Plattheit an Plattheit. Also fechten wir mal.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise muss er irgendwelchen Drittmittelgebern einen Gefallen erweisen, die das Stadium des kalten Krieges noch nicht \u00fcberwunden haben. Dies erkl\u00e4rte wenigstens einigerma\u00dfen das verbl\u00fcffend simple Weltbild des Honorarprofessors an der FU Berlin. Was ihm zu Putin einf\u00e4llt sind die \u00fcblichen Anekdoten vom Hund des Pr\u00e4sidenten. Jener h\u00e4tte Angela Merkel, trotz warnender Geheimdienstberichte (sic!) bez\u00fcglich deren weitbekannter Hundephobie, beschn\u00fcffelt. Schon daran erkennt man also leicht den Schurkencharakter Putins. Nicht fehlen darf dann auch dessen ber\u00fchmter Halbnacktritt auf einem Pferd. Man f\u00fchlt sich so also eher an eine BUNTE- Homestory denn an einen wissenschaftlich untermauerten Beitrag erinnert.<\/p>\n<p>Betrachtung der Konflikte? Fehlanzeige!<\/p>\n<p>Wer trotz der wabernden hochpolitischen und fundierten tiefenpsychologischen &#8222;Erkenntnisse&#8220; immer noch weiter liest bekommt sodann eine Aneinanderreihung s\u00e4mtlicher Missetaten des russischen &#8222;Despoten&#8220; von Transnistrien bis Georgien serviert. Man erschauert. Sogar Kosovo h\u00e4tte Putin nicht anerkannt. Unglaublich. Dem Politikwissenschaftler scheint in seiner europ\u00e4ischen Akademie entgangen zu sein, dass selbst EU- &#8222;Schurkenstaaten&#8220; wie Spanien oder Griechenland etc. bis heute, auch aus guten Gr\u00fcnden, das v\u00f6lkerrechtlich fragw\u00fcrdige Gebilde Kosovo nicht anerkannt haben. Warum sollte es also das mit Serbien traditionell befreundete Russland tun?<\/p>\n<p>Eine auch nur oberfl\u00e4chliche Betrachtung all dieser tats\u00e4chlich vorhandenen Konflikte durch Stratenschulte sucht der Leser vergeblich. Insofern ist es m\u00fc\u00dfig, sich an dieser Stelle der M\u00fche zu unterziehen, tiefergehende erl\u00e4uternde Nachhilfe anzubieten.<\/p>\n<p>Man kann sich allerdings den Hinweis nicht verkneifen, dass diese erw\u00e4hnten Konflikte, exemplarisch am Beispiel Georgiens zu sehen, historisch weit in die Zeiten der alten Sowjetunion und sogar in die Zeit davor zur\u00fcckreichen. Jedenfalls dauern sie bereits l\u00e4nger an als Putins Pr\u00e4sidentschaft, die erst im Jahr 2000 begann. Offensichtlich will der Politikwissenschaftler uns geneigte Leser aber nicht mit derartigen Fakten und Hintergr\u00fcnden bel\u00e4stigen.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnenswerter findet er dem gegen\u00fcber die Tatsache, dass es nun tats\u00e4chlich Menschen gibt, die diesen b\u00f6sen Putin &#8222;verstehen&#8220;. Auch hier ist seine weitere Analyse aber eher d\u00fcrftig. Es handelt sich dabei, nach seiner Auffassung, wohl allein um das ganze linke und das rechte Spektrum, festgemacht an den Damen Petry (AfD) und Wagenknecht (Linke). Alle, die nicht ins Weltbild passen, egal welcher sonstigen Parteizugeh\u00f6rigkeit, gelten ihm als autorit\u00e4tsfixiert, antidemokratisch und nat\u00fcrlich vor allem nat\u00fcrlich antiamerikanisch. Wer in dieses Raster passt ist Putin-verd\u00e4chtig, undemokratisch und daher mindestens nicht ganz bei Trost.<\/p>\n<p>Wer gegen Freihandelsabkommen demonstriert, statt gegen die Bombardierung Aleppos, ist auch verd\u00e4chtig. Dass es den Menschen in Syrien dessen ungeachtet gleichg\u00fcltig sein d\u00fcrfte, ob sie von den \u201eguten Bomben\u201c der Terroristen und denen der USA einerseits oder den \u201eb\u00f6sen Geschossen\u201c Russlands und Assads andererseits zum Opfer fallen, muss sicher nicht erw\u00e4hnt werden.<\/p>\n<p>Aber auch hier sei daran erinnert, dass der Syrienkrieg Jahre l\u00e4nger dauert als die nachvollziehbare russische Einmischung auf Einladung der, ob sie nun passen oder nicht, syrischen Regierenden. Nebenbei: Der IS ist keine russische Erfindung, sondern ein Gesch\u00f6pf westlicher Geheimdienste inclusive der T\u00fcrkei. Auch hier bietet Stratenschulte also bestenfalls Schwarz-Wei\u00df statt sachgerechte Information.<\/p>\n<p>Dass das V\u00f6lkerrecht in den letzten Jahren Soielball der US-Amerikaner war, und da muss man nicht nur den Irakkrieg bem\u00fchen, kommt ihm nicht wirklich in den Sinn. Man stelle sich aber einmal das Geschrei vor, Putin h\u00e4tte irgendwann mit frei erfundenen Kriegsgr\u00fcnden im Stile eines Bush einen anderen Staat \u00fcberfallen und besetzt. Sagen wir mal die Ukraine bis zu deren Westgrenze\u2026..<\/p>\n<p>Immerhin eine richtige Erkenntnis leitet Stratenschulte aus seiner ansonsten kruden Gedankenwelt ab, die zudem deutsche Weltkriegsschuldgef\u00fchle bem\u00fcht und sogar die russischen Opfer im 2. Weltkrieg relativiert: Konflikte lassen sich heute nicht ohne Russland l\u00f6sen, stellt er bemerkenswert richtig fest. Chapeau! Richtig! So ist es. Doch genau deshalb w\u00e4ren \u00dcberlegungen sinnvoller, wie nun, an der Stelle politisch und \u00f6konomisch irrer Boykotts und Putin- Bashings, Russland ins Boot geholt werden kann.<\/p>\n<p>Mit NATO- Aufr\u00fcstung und dem gef\u00e4hrlichen aktuellen S\u00e4belrasseln an Russlands Grenzen gelingt dies sicher nicht. &#8222;Staaten haben Interessen&#8220;, brachte es Egon Bahr kurz gefasst einmal auf den Punkt. Statt Putin in alberner Form zu d\u00e4monisieren w\u00e4re es also auch politikwissenschaftlich lohnend, sich einmal n\u00e4her mit den Interessen der Milit\u00e4rmacht Russlands zu besch\u00e4ftigen. Damit w\u00fcrde man auch der, gerne zu kritisierenden, Person Putin gerecht.<\/p>\n<p>Die vom russischen Pr\u00e4sidenten vertretenen russischen Interessen sind aber mindestens so legitim wie irgendwelche Interessen der USA. Meines Erachtens sogar legitimer. Das Hirn der Anti- Putin- Paranoiker w\u00e4re dessen ungeachtet freier, besch\u00e4ftigte man sich daneben auch noch mit der alten Kulturnation Russland. Siehe ganz oben. Und in diesem Sinne gestehe ich: Ein Putin und der gegenw\u00e4rtige, wohltuend rationale, russische Au\u00dfenminister stehen mir n\u00e4her als mir ein Herr Trump oder gar unsere befreundeten NATO-Verb\u00fcndeten T\u00fcrkei und Saudi-Arabien nahe stehen. Russen einschlie\u00dflich Putin sind nicht unsere Feinde. Und offensichtlich sieht dies in Deutschland eine rationale Bev\u00f6lkerungsmehrheit ebenso. Sorry, Herr Professor!<\/p>\n<p><em>Der Autor war Bundestagsabgeordneter von 1994 &#8211; 2009, u. a. zust\u00e4ndig f\u00fcr den Bereich des s\u00fcdlichen Kaukasus. Er ist Vorsitzender der gemeinn\u00fctzigen West-Ost-Gesellschaft in Baden- W\u00fcrttemberg e.V. (WOG) <a href=\"http:\/\/russlandbruecke.de\">http:\/\/russlandbruecke.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foto: Litin Junge Russen- neue Feinde? Eine Replik auf Prof. Dr. Stratenschulte, Berlin: K\u00fcrzlich war ich in Samara, Partnerstadt der Stadt Stuttgart an der Wolga. Grund war ein medizinischer Kongress im Rahmen eines Projekts f\u00fcr Kinder mit einer Lippen\/ Kiefer\/ Gaumenspalte (CLEFT) an der Uni Samara. 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