{"id":2161,"date":"2011-03-12T18:50:41","date_gmt":"2011-03-12T17:50:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tauss-gezwitscher.de\/?p=2161"},"modified":"2011-03-15T10:59:35","modified_gmt":"2011-03-15T09:59:35","slug":"von-kernkraft-und-schweinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tauss-gezwitscher.de\/?p=2161","title":{"rendered":"Von Kernkraft und Schweinen"},"content":{"rendered":"<p>Man kann dar\u00fcber streiten, ob der Begriff <em>\u201eSchweine\u201c <\/em>in\u00a0der politischen Diskussion immer sinnvoll anwendbar ist. Die <em>TAZ<\/em> machte es im Artikel <em><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/debatte\/kommentar\/artikel\/1\/die-dreckschweine-von-der-atomlobby\/\">\u201eDie Dreckschweine von der Atomlobby\u201c<\/a><\/em>. Ich mache es weniger gerne, denn bei Schweinen handelt es sich durchaus um nette, sozialvertr\u00e4gliche und intelligente Tiere. Das hatte die <em>TAZ<\/em> dann sicher auch bemerkt und in ihrer \u00dcberschrift <em>Schweine<\/em> durch das Wort\u00a0<em>Methoden<\/em> ersetzt.<\/p>\n<p>Allerdings ist der Zorn des Autors bez\u00fcglich der gut organisierten, weltweit vernetzten und milliardenschweren Atom-Lobby bei der Ursprungs\u00fcberschrift nachvollziehbar. Da ist zuf\u00f6rderst die Internationale Atomaufsicht = Atomlobby\u00a0<a href=\"http:\/\/www.iaea.org\/About\/dg\/\">IAEO oder IAEA<\/a>. Sie wird von Deutschland mit rund 26 Millionen Euro (8,5% des Etats) als drittgr\u00f6\u00dftem Beitragszahler mitfinanziert (USA 25%, Japan 16%).<\/p>\n<p><em>IAEA <\/em>Generaldirektor ist \u00fcbrigens passend der Japaner <a href=\"http:\/\/www.iaea.org\/About\/dg\/amano\/biography.html\">Yukiya Amano.<\/a> Er ist Jurist und Karrierediplomat und schon von daher geeignet, sich global kompetent um die <em>Sicherhei<\/em>t von <em>Kernkraftwerken<\/em> zu k\u00fcmmern. Besser einsetzbar ist der als SEHR h\u00f6flich bekannte Mann da schon f\u00fcr Kontakte zu anderen Atomschurkenstaaten wie <em>Nordkorea<\/em> oder <em>Iran<\/em>. <!--more-->Aber hier soll es um die <em>friedliche <\/em>Nutzung der Kernenergie gehen, ohne die man dummerweise im Bedarfsfalle aber auch nicht wirklich an <em>Kernwaffen<\/em> herankommt. Und so muss schon wegen des Friedensnobelpreises die Friedlichkeit der obersten globalen Atommafia seit deren Grundsatzpapier von 1963 auch immer betont werden:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8230;die Rolle der IAEO w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Jahre wird es sein, die Mitgliedstaaten bei der Vorbereitung der Einf\u00fchrung der Atomenergie in ihren verschiedenen friedlichen Anwendungen zu unterst\u00fctzen, besonders hinsichtlich der Energieerzeugung &#8230; Das Langzeitprogramm basiert auf der \u00dcberzeugung, dass die F\u00f6rderung der Atomenergie der wichtigste Beitrag der IAEO zur Wirtschaft und zum allgemeinen Wohlstand sein wird&#8230;.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das wird die Japaner aktuell freuen zu h\u00f6ren. Und am 26. 4. k\u00f6nnen die Menschen in <em>Wei\u00dfrussland<\/em> den 25. Tschernobyl-Jahrestag ihrer Wohlstandsmehrung feiern. \u00dcberhaupt fallen der obersten Atom&#8220;aufsicht&#8220; sofort besch\u00f6nigende Formulierungen ein, sobald es f\u00fcr die <em>Kernkraft<\/em> kritisch wird:<\/p>\n<p><em>&#8222;Die Anlagen werden bei \u00dcberschreiten bestimmter sicherheitsrelevanter Grenzwerte automatisch abgeschaltet&#8220;<\/em>, teilte gestern selbst unser bestinformiertes Umweltministerium mit. Diese Weisheit kam zuvor von der<em> IAEO<\/em>, die schon im Angesicht des japanischen Desasters stolz vermeldete, <em>vier Kernkraftwerke seien sicher heruntergefahren worden<\/em>. Heute wissen wir, dass dieses <em>sichere Herunterfahren<\/em> eine <em>Kernschmelze<\/em> dummerweise nicht ganz ausschliesst. Aber nur das ist die eigentliche Aufgabe der <em>IAEO<\/em> und unserer Bundesumweltkernkraftminister: <strong>Vertuschen, verharmlosen, weiter so.<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb hat die <em>IAEO<\/em> auch schon 1958 die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr den <em>Gesundheitsschutz<\/em> zu Lasten der Weltgesundheitsorganisation <em>WHO<\/em> an sich gerafft. In einem Abkommen wurde festgelegt, dass Forschungsprojekte, deren Resultate potentiell die F\u00f6rderung der Atomindustrie <strong>behindern<\/strong> k\u00f6nnten, entweder gar nicht oder nur noch von der <em>IAEO<\/em> gemeinsam mit der <em>WHO<\/em> durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>TOT ist nicht KRANK<\/strong><\/p>\n<p>Die\u00a0 Folge dieser fatalen Fehlentwicklung wurde nicht erst nach der <em>Tschernobyl-Katastrophe<\/em> sichtbar. Als damals Kritik und Protest gar zu l\u00e4stig wurden, startete die Wiener Beh\u00f6rde das <em>&#8222;International Chernobyl Project&#8220;<\/em>: Die Studie zu den betroffenen Republiken (Ru\u00dfland, Ukraine und Wei\u00dfru\u00dfland) kam zum erstaunlichen Schluss, <em>\u201edass keine Sch\u00e4digung der Gesundheit der betroffenen Bev\u00f6lkerung durch die Strahlenbelastung festgestellt werden konnte\u201c<\/em>. Dumm nur, dass dies Hunderte von Notfall-Einsatzkr\u00e4ften nicht mehr mitbekommen hatten. Vor allem die ersten Arbeiter am zerst\u00f6rten Reaktorblock, die <em>Liquidatoren<\/em>, starben noch jugendlich und heldenhaft an offensichtlich bester Gesundheit. Sie konnte man aus der Studie so schon einmal herausrechnen. Wer mit 30 Jahren schon TOT ist, kann gl\u00fccklicherweise nicht KRANK oder gar verstrahlt sein.<\/p>\n<p>Rund 4.500.000 Menschen haben durch <em>Tschernobyl<\/em> eine erh\u00f6hte Strahlendosis abbekommen und leben wegen der 30-j\u00e4hrigen Halbwertszeit von <em>C\u00e4sium <\/em>im Langzeitlaborversuch, sofern ihr Dorf nicht umgesiedelt wurde. Sollten sie sich unwohl f\u00fchlen, liegt es also bestenfalls immer am fetten Essen und am russischen Wodka. Diese Laster der Eltern erkl\u00e4ren auch die <em>Immunschw\u00e4che<\/em> und sonstige Beeintr\u00e4chtigungen von 80% aller neugeborenen Kinder in Belarus.<\/p>\n<p>Aber nicht nur in den von <em>Tschernobyl<\/em> betroffenen Staaten fiel OSART- Kernenergieexperten der <em>IAEO<\/em> nicht viel auf. <em>OSART <\/em>steht f\u00fcr <em>Operational Safety Review Team<\/em>. In diesem Team sollen Experten der <em>IAEO<\/em>, <em>die \u00fcber umfangreiche betriebspraktische Erfahrungen in Kernkraftwerken in allen Teilen der Welt verf\u00fcgen, zusammen arbeiten. Sie pr\u00fcfen, ob die Betriebsf\u00fchrung eines Kernkraftwerks den internationalen Ma\u00dfst\u00e4ben entspricht <\/em>(Zitat EnBW)<em>. <\/em><\/p>\n<p><em> <\/em>Ist es aber nicht merkw\u00fcrdig, dass \u201eExperten\u201c bei solchen betriebspraktischen Pr\u00fcfungen eigentlich nicht die nahe liegende Frage einf\u00e4llt, wie ein im pazifischen Raum bekannt selten vorkommender\u00a0<em>Tsunami <\/em>eventuell ein direkt am Meeresstrand gelegenes Kernkraftwerk und dessen K\u00fchleinrichtungen beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnte? Oder sind solche Fragen nicht im Sinne des <em>IAEO<\/em> &#8211; Chefs, der zuf\u00e4llig aus Japan kommt?<\/p>\n<p>Es bedarf jedoch keiner Verschw\u00f6rungstheorie: Es geht der <em>IAEO<\/em> allein um die Verbreitung aber nicht um die Gefahren der Kernenergie. Die Organisation <em>&#8222;Internationale \u00c4rzte f\u00fcr die Verh\u00fctung des Atomkriegs&#8220;<\/em> (IPPNW) kritisierte schon anl\u00e4sslich der wirklich skandal\u00f6sen Verleihung des Friedensnobelpreises zutreffend, dass <em>&#8222;eine Beh\u00f6rde, deren Ziel es ist, den Ausbau der Atomenergie weltweit zu beschleunigen und auszuweiten, nicht zu einer friedlichen und gesunden Welt&#8220;<\/em> beitrage. Genau so ist es.<\/p>\n<p><strong>Die deutsche Atomlobby<\/strong><\/p>\n<p>Diesem hehren Ziel des Ausbaus und des Sch\u00f6nredens widmen sich nat\u00fcrlich auch die deutschen KKW- Lobbyisten, die sich, wie alle guten Deutschen, in gut organisierten Vereinen zusammengeschlossen haben: Neben den bekannten Kraftwerksbetreibern ist als hiesiger Vereinssitz der <em><a href=\"http:\/\/www.kernenergie.de\/kernenergie\/\">Informationskreis Kernenergie<\/a><\/em> am Berliner Robert-Koch-Platz 4 zu benennen, wo die nach <em>Tschernobyl<\/em> gegr\u00fcndete <em>INFORUM GmbH<\/em> residiert. Sie ist eine 100%ige Tochter des Deutschen Atomforums e. V., verlegt Pro-Kernkraft-Material und organisiert die vom <em>Deutschen Atomforum e. V<\/em>. und der <em>Kerntechnischen Gesellschaft e. V.<\/em> veranstalteten Tagungen.<\/p>\n<p>Von keinem Verein habe ich \u00fcbrigens in meiner Zeit als Forschungspolitiker im <em>Deutschen Bundestag<\/em> mehr Einladungen bekommen. Die Propaganda vom gefahrlosen und notwendigen Betrieb von Kernkraftwerken rieselt von dort unabl\u00e4ssig auf alle herab, die es h\u00f6ren oder nicht h\u00f6ren wollen. Man geriert sich sogar gerne als Umweltsch\u00fctzer, weiss aber auch, wann man sich mal politisch zur\u00fcckhalten sollte. Dann werden Werbeagenturen f\u00fcr E.on &amp; Co aktiv.<\/p>\n<p>Das liest sich dann so: <em>Die Thematisierung der Kernenergie im Wahlkampf ist nicht im Sinne von E.on.&#8220; Ziel m\u00fcsse vielmehr sein, dass &#8222;eine scharfe emotionale Debatte unterbleibt&#8220;. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass vor allem die Anh\u00e4nger von SPD und Gr\u00fcnen mobilisiert w\u00fcrden <\/em><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,650172,00.html\">(Spiegel).<\/a><\/p>\n<p>Kein Wunder, dass sich Bundesumweltminister <em>R\u00f6ttgen<\/em> heute gem\u00e4\u00df dieser Gebrauchsanleitung beim NRW-CDU- Parteitag <em>gegen politische Diskussionen \u00fcber die Sicherheit und Laufzeit von Kernkraftwerken in Deutschland<\/em> wandte. &#8222;Ich halte das f\u00fcr v\u00f6llig <em>deplazier<\/em>t&#8220;, soll der Minister betont haben<\/p>\n<p>Sonst ist, zu besseren Zeiten, die Unionssensibilit\u00e4t f\u00fcr politische Auseinandersetzungen zum Thema Kernkraft je nach Saison allerdings weniger ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p><em>Wenn jetzt die deutschen Gr\u00fcnen, die Linken und der kernenergiefeindliche Teil der SPD die Fakten anerkennen w\u00fcrden und ein Bekenntnis zur Kernenergie abg\u00e4ben, w\u00e4re Deutschland einen riesigen Schritt weiter auf dem Weg, auch in der Zukunft saubere, sichere und bezahlbare Energie gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen<\/em> (CDU-Homepage vor ca. 1 Jahr).<\/p>\n<p>Damals ging es um die Laufzeitenverl\u00e4ngerung<\/p>\n<p>Aber genau deshalb muss <strong>jetzt<\/strong> diskutiert werden. <strong>Jetzt<\/strong>, wo Tausende, m\u00f6glicherweise Millionen, von Menschen in Japan wie zuvor schon in anderen Teilen der Welt gerade den sicheren Betrieb von Kernkraftwerken hautnah erleiden m\u00fcssen. <strong>Jetzt.<\/strong> Und nicht dann, wenn es den Lobbyisten und deren politischer Helfershelfer von Mappus bis R\u00f6ttgen und Merkel vielleicht wieder einmal genehmer ist. Sorgen wir daf\u00fcr, dass eine scharfe und angesichts der Trag\u00f6dien auch emotionale Debatte gef\u00fchrt wird. Wann, wenn nicht <strong>JETZT<\/strong>?<\/p>\n<p><strong><span style=\"font-weight: normal;\"><em>Anmerkung: <\/em>Viele Informationen zur <em>IAEO <\/em>und zur Atomlobby habe ich immer wieder von meinem fr\u00fcheren SPD-Fraktionskollegen, dem alternativen Friedensnobelpreistr\u00e4ger <em>Hermann Scheer<\/em> erhalten, dessen Stimme gerade in dieser Situation um so schmerzlicher vermisst wird.<\/span><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann dar\u00fcber streiten, ob der Begriff \u201eSchweine\u201c in\u00a0der politischen Diskussion immer sinnvoll anwendbar ist. Die TAZ machte es im Artikel \u201eDie Dreckschweine von der Atomlobby\u201c. Ich mache es weniger gerne, denn bei Schweinen handelt es sich durchaus um nette, sozialvertr\u00e4gliche und intelligente Tiere. 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