Türkei. Das unbekannte Wesen

 

 

Ich bin bei den Türken. Nein: Nicht im Exil (ein Pirat hatte sich mitfühlend erkundigt;) Ich bin einfach mal dort, weil so viel von „den Türken“ die Rede ist. Und weil so viele moderne Türken über die altmodischen Türken in Deutschland lästern. Wie auch Deutsche über „die“ Türken. Und umgekehrt. So lernt man durchaus manches, wenn man so durch türkische Lande fährt. Reisen soll ja bilden.

Dass Troja nicht in Griechenland liegt, lernt man ja eventuell schon in der Schule. Dass sich manche deutsche Touristen wundern, wenn auch an der Ägäis im Februar Februar ist, erfährt man von amüsierten Reiseleitern mit Hochschulstudium, die sich mit klimabedingten Gästebeschwerden an den Reiseveranstalter auseinandersetzen müssen. Das Meer hat lediglich frühe Baggerseetemperatur. Die Hand im Wasser zuckt leicht zurück. Deshalb stehen dort im Westen mit Sichtkontakt nach Griechenland viele Hotels an 9 von 12 Monaten im Jahr leer. Bis zu den türkischen Sommerferien.

Während der dreimonatigen Sommersaison brummt dann aber der Bär. In dieser Zeit wird das Geld für den Rest des Jahres verdient. Einige Hotels machen jedoch Lockangebote und nehmen im Winter Defizite in Kauf, um den Kern des qualifizierten Personals zu halten. Manche Kellner sprechen besser deutsch als ein Teil der deutschen Kundschaft. So kann man derzeit schon mal locker für 129.–Euro eine Woche Ägäis mit Übernachtung und Frühstück im Februar inclusive Flug buchen. Ein Tipp für Wulff!

Touri-Sponsoring

Der Sensationspreis erklärt sich aus steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten für Verluste und erheblichem Sponsoring aus verschiedenen Quellen. Aus Gründen subventioniert beispielsweise die türkische Teppich- oder Lederindustrie solche Touri-Reisen wie die von mir. Der eine oder andere Tourist kommt auch noch mit einem Teppich heim. Oder Lederwaren. Ich nur mit leckerer Olivenpaste. Vier große Gläser von dem leckeren Zeug kosten 8.– Euro. Seit dem Besuch im Olivenmuseum weiß ich auch endlich, wie kalt gepresstes Olivenöl konkret herstellt wird. Die gleichfalls mitgenommene Olivenseife schäumt nicht. Aber sie ist angenehm auf der Haut. Die Reste aus der Olivenölproduktion ergeben einen hochwertigen Brennstoff mit hohem Brennwert. Die Tonne ist für rund 100 Euro erhältlich. Und überhaupt: Energie. Nirgendwo habe ich in den letzten Jahren mehr Solaranlagen auf Dächern gesehen. Eine komplette einfache Anlage ist bereits für 200.– Euro aufwärts zu haben. Im windigen Flachland entstehen Windparks mit Hilfe von Einspeisungsgesetzen nach deutschem Vorbild, das hierzulande die kaputte FDP gerade kaputt machen will.

Wass ich auch nicht wusste: Jeder türkische Staatsangehörige hat das Recht, beim nationalen Fliegerclub kostenlos seinen Freizeitflugschein zu machen. Egal ob -Segel- oder Drachenfliegen. Einfach Anmelden. Nach circa dreijähriger Wartezeit erhält man seinen Kurs. Der hiesige Fliegerclub ist der Reichste der Welt. Und zahlt sogar die Hotelkosten für dessen Flugschüler. Wie das? Er hat ein Monopol auf alle beim Opferfest anfallenden Tierfelle, die er an die Lederindustrie weiter verhökert. Diese Einnahmen sind ihm seit Kemal Atatürk garantiert. Jener war offensichtlich nicht nur Eisenbahnfan, der mit eigenem Salonagen durch die Gegend reiste, sondern auch begeisterter Flieger.

Sein legendärer Ruf basiert allerdings auf einer der blutigsten Schlachten des 1. Weltkriegs, als 500.000 Soldaten, vor allem aus dem Commonwealth, an den Dardanellen sinnlos ihr Leben verloren. Die Briten scheiterten kläglich mit dem Versuch, Istanbul mit Frankreich unter sich aufzuteilen, um die Herrschaft übers Schwarze Meer zu erlangen. Seit dieser Zeit und seiner militärischen List ist der Staatsgründer unantastbar.

Was würde Atatürk heute zum Vordringen des Islam sagen? Er wäre sicher skeptisch. Trotz alldem sieht man in der Westtürkei weniger Kopftücher als bei hiesigen „Deutschtürken“, die im Pendeln zwischen den Welten und durch hoffnungsloses Integrationsversagen des Einwanderungslands Deutschland kulturell in Religion flüchten.

Nach langjähriger politischer Misswirtschaft ist die Mehrheit der Bevölkerung trotz Durchschnittsalter 27 (Deutschland über 40) mit ihrem erzkonservativen Erdogan als Premier trotz eines Benzinpreises von 1,90 €/l durchaus einverstanden. Frühere fundamentalistische Äußerungen von ihm sind via YouTube „in diesem Land nicht (mehr) erreichbar“. Das gilt auch für diverse andere Websites. Die Internetregulierung, sprich: Zensur, schreitet zügig voran. Die Hälfte der Bevölkerung sieht solche Entwicklungen durchaus skeptisch.

Dialog lohnt sich

Es scheint allerdings ein ähnliches Problem wie in Ungarn oder anderen Staaten zu geben, wo gleichfalls nationalistische oder religiöse Parteien Erfolge feiern. Mit dem dummdreisten Viktor Orbán sollte man Rezep Erdogan dennoch nicht verwechseln. Es fehlt aber wie beim EU-Mitglied Ungarn der Opposition schlicht an charismatischen glaubwürdigen personellen Alternativen. Die politisch sehr selbstbewusste türkische Armee hat wegen aktuell diskutierter Skandale als Hüter von Atatürks Erbe an Glaubwürdigkeit verloren. Eine Reihe von Bombenattentaten der kurdischen PKK waren wohl nach heutiger Erkenntnis eher das Eigenwerk türkischer Generäle oder Geheimdienste, um Pfründe zu sichern. Die Zeitungen sind voll davon.

Vor allem der wirtschaftliche Erfolg beeindruckt dessen ungeachtet eine stabile Mehrheit. Auch wenn Erdogan bereits auf einer durchaus erfolgreichen Vorgängerregierung aufbauen konnte, ist ein Wirtschaftswachstum von über 10% beachtlich. An allen Ecken wird gebaut. Die Finanzkrise erreichte die Türkei seit eigenen Bankcrashs im Jahre 2001 nicht. Das Straßennetz verbessert sich sichtbar bis in hinterste Winkel im Osten. Die Inflationsrate sank in 10 Jahren von 90 auf ebenfalls 10%. Der Durchschnittsbürger ist da (zu Recht) durchaus beeindruckt. Das Selbstbewusstsein wächst. Auch gegenüber der EU, deren Probleme mit Griechenland im Land mit Schadenfreude registriert wird. Moderne flexible Außenpolitik (mit Ausnahme Armeniens) hat die Rolle der Türkei auch durch deren kritische Israelpolitik vor allem in den arabischen Raum hinein gestärkt. Dieses Scharnier bietet Chancen für offene Türen. Die Türkei kann für den arabischen Frühling wohl eine größere Hoffnung als es die wankelmütigen Europäer darstellen.

Fazit: Es lohnte sich, die Türkei mit größerem Interesse und nicht aus dem Blickwinkel hiesiger Integrationsprobleme zu betrachten. Und es lohnt sich, mit gebildeten und weltoffenen Menschen aus diesem Kulturkreis den Dialog zu führen. Auch über den Islam, über das Bemühen um einen „modernen“ Islam und über die Fragen der künftigen deutsch-türkischen Zusammenarbeit. Vielleicht auch über „unseren“ Umgang mit den Türken.

4 Gedanken zu „Türkei. Das unbekannte Wesen

  1. Anonymous

    Ich habe dem BfV auch mal eine Email geschrieben. Zurückgekommen ist bei mir ebenfalls eine Datei in diesem komischen eigentümlichen Format, dass LibreOffice aber trotzdem öffnen konnte.

    Inhalt:

    „Sehr geehrter Herr,

    ich bestätige den Eingang Ihrer E-Mail vom 28. Februar 2012 und bedanke mich für Ihre Anfrage.

    Zu dem von Ihnen angesprochenen Symposium „Extremismus und Terrorismus im digitalen Zeitalter – Ideologie, Struktur, Aktion“ wird ein Tagungsband erscheinen. Die Veröffentlichung ist für Ende März geplant. Die Publikation wird dann auch auf unserer Internetseite zur Einsichtnahme eingestellt.

    Ich hoffe, Ihnen mit diesen Informationen zu Ihrer Eingabe geholfen zu haben.

    Mit freundlichen Grüßen
    Im Auftrag“

    Entweder haben die dazugelernt oder ich hatte Glück.

  2. Anonymous

    Das hier gehört eigentlich zu „Email-Formular vom Verfassungsschutz“ ( http://www.tauss-gezwitscher.de/?p=3133 ) aber dort ist das Kommentar-Formular irgendwie verschwunden. (Allerdings ohne dass da irgendwie die Rede davon wäre, dass Kommentare geschlossen wären oder so) Also:

    Das ganze erinnert mich irgendwie an die Email-Addresse vom Zoll. Die wird im Briefkopf angegeben als http://www.zoll.de [sic!].

    Irgendwie erinnert mich das auch an einen Schriftwechsel, den ich mit der Telekom hatte. Ich wollte wissen, wann abgelaufene Telefonkarten verjähren. Was ich zurückbekam, war ein Textbaustein, den es wort-wörtlich übereinstimmed schon auf der Website gab und auch bestätigte, was ich schon wusste. Aber meine eigentliche Frage wurde nicht beantwortet.

  3. Wolfgang Ksoll

    Guter Bericht. Danke.

    Ich war 1986 drei Wochen auf Rundreise da: Istanbul, Bosperus hoch und runter, Bursa, Anakara, leider nicht Zonguldak, Samsun, Trabzon, fast bis Eriwan und Ararat, Erzerum, Kayseri, Konya, Göreme, Seydisehir und noch zwei Städte im Westen. Fehlt noch: Van, Troja (also Bilder schicken!), Kilikien (wo der Homer herkömmet). Unter und über Tage. Geiles Land, tolle Leute.

    Ich finde es schön, wie die da jetzt die Kurve kriegen. Nicht mehr so aggressiv mit Kurden und Armeniern, wirtschaftlich tolle Leistung.

    Atatürk hat auch glasklare Trennung zwischen Kirche und Staat durchgezogen, härter als bei uns die Christen: da gibt es keine Wehrimame, die mit den Soldaten in den Krieg ziehen wie bei uns die christlichen Geistlichen in Bundeswehr-Uniform.

    Ich habe auch schon häufiger von Rentner gehört, dass es in der Türkei im Winter billiger ist, im Hotel zu wohnen, als in Deutschland in der Wohnung. Vielleicht sollte man zu Völkerverständigung nicht nur die Jugend, sondern auch die alten Säcke dahin schicken. Mit der Auflage, dass sie nach Rückkehr ihr Döner in Türkisch mit korrekter Begrüßung und Verabschiedung kaufen. Bei den Preisen ist das ja sogar mit H4 zu finanzieren.

    Einen schönen Bildungsurlaub noch! Merhabalar! (oder Hallöle wie der Süddeutsche sagt 🙂

Kommentare sind geschlossen.